Friday, June 30, 2017

DIE SACHE MIT DER WAHRHEIT

Photo by Florian Klauer on Unsplash


Mit dem omnipräsenten Vorwurf der Lügenpresse, hat es der Journalismus im deutschsprachigen Raum zunehmender schwerer Integrität zu beweisen. Professionalität und Legitimation wird in Frage und Medien sowie Journalisten an den Pranger gestellt.

Punkt 19 Uhr 30. Die Eltern gehen ins Wohnzimmer, schalten den Fernseher ein und warten auf die aktuellsten Nachrichten. Gerade ging es beim Abendessen noch um den anstehenden Urlaub der ältesten Tochter, die mit ihrem Freund nach Spanien fahren möchte. „Neue Dimensionen der Gewalt: Die Proteste rund um den G20-Gipfel in Hamburg sind in der Nacht eskaliert. Linksradikale Demonstranten attackierten die Polizei. Die reagierte mit Tränengas und Wasserwerfern“, sagt der Nachrichtensprecher der Zeit im Bild auf dem österreichischen Fernsehsender ORF1. Ein öffentlich-rechtlicher Sender, dem vor allem nachgesagt wird, die konservativ-moderaten Prinzipien der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) zu unterstützen.

Im sozialen Netzwerk Facebook ist der Sender besonders stark vertreten und veröffentlicht mehrmals am Tag Kurzmitteilungen. So wie auch am Wochenende, als das G20 Treffen in Hamburg stattfand. Problematisch wurde es, als es unter den Kommentaren zu Auseinandersetzungen kommt. „Wie viele Demonstranten bisher verletzt wurden ist anscheinend uninteressant,“ schreibt Nils Olaf Pettersen. Der Nachrichtensender antwortet darauf, dass im Text deutlich vermerkt sei, dass die Zahl der Verletzten noch nicht feststeht und diese Information erst später veröffentlicht wird. „Es ist echt mal angenehm, dass ihr als einziges Medium die richtigen Bezeichnungen findet. Kleiner Hinweis: Radikal -> hauptsächlich verbal, extremistisch -> Anwendung von Gewalt. Wir reden hier also von LinksExtremen,“ erklärt Manuel Hinke und erntet für seinen Kommentar zahlreiche Daumen Hoch von anderen Usern.

In unser medial geprägten Zeit, in dem durch die starke Ausbreitung des Internets Informationen verbreiten und kommunizieren binnen weniger Sekunden möglich ist, wird es immer schwerer sich eine fundierte Meinung zu bilden. Im Internet kann sich theoretisch jeder aktiv am Sammeln, Bearbeiten und Verbreiten von Nachrichten beteiligen. Es gibt Blogs wie Sand am Meer, Satirewebseiten tauchen aus dem Nichts auf und haben zur Folge, dass Menschen misstrauisch und beunruhigt werden. Wie kann man bei so viel Information den Überblick behalten? Gewünscht wird schlussendlich, dass Journalisten weiterhin Informationen verbreiten und zwar objektiv und unbefangen. Wie kann aber ein journalistisches Medium Objektivität sicherstellen und was bedeutet Wahrheit eigentlich?

Klar, es gibt kein allgemeines Kriterium der Wahrheit, aber trotzdem zwei wichtige Wahrheiten, die zu unterscheiden sind: die inhaltliche Wahrheit (materiale Wahrheit) und die logische Wahrheit (formale Wahrheit). Die logische Wahrheit betrifft vor allem die logische Richtigkeit einer Aussage. „Meine Aufgabe ist es, die richtige Rechtsmeinung zu finden“, sagt Edith Lang-Dubsky, Richtern am Arbeits- und Sozialgericht in Wien. Ihre Stimme klingt am Telefon zuversichtlich als sie sagt, dass es möglich ist, unbefangen und objektiv zu sein. „Ich gehe meine Fälle ohne feste Überzeugung an, lese verschiedene Beweismittel, befrage Leute und stelle am Ende fest, welcher Sachverhalt wahrscheinlicher ist,“ erklärt die Richterin und gibt selbst zu, dass sie Medien gegenüber sehr kritisch ist, da diese oft den Anschein erwecken objektiv zu sein, aber eigentlich einen klaren Standpunkt vertreten.

Die Tatsache, dass bei einer Google-Anfrage tausende Artikel der letzten zehn Jahre auftauchen, in denen Schlagwörter wie „objektiv“, „objektiver Journalismus“ und „Neutralität“ vorkommen, zeigt, wie aktuell dieses Thema ist und dass sich die Meinungen dazu spalten. Die Zeit schreibt, Objektivität sei unsinnig und unmöglich, The European fragt sich, wie neutral Journalismus denn wirklich sein kann und der DMV Verband für Journalisten in Deutschland erklärt, dass Journalisten zwar Stellung beziehen dürfen, aber klarstellen müssen, wenn dies passiert.

Schon in der Ausbildung wird zukünftigen Journalisten eingetrichtert, dass Neutralität in ihrem Beruf das oberste Gebot sei. Eine Geschichte aus möglichst vielen Perspektiven und Blickwinkeln zu beleuchten ist das Ziel. Ganz so einfach ist es nicht, und vor allem als Journalist wünscht man sich, dass der Leser reflektiert genug liest um am Ende selbst frei zu entscheiden. Nichtsdestotrotz halten 40 Prozent der Deutschen die Presse für wirklich objektiv. Vor allem Gebildete und Gutverdienende glauben, die Berichterstattung sei einseitig und politisch gelenkt. Das heißt fast jeder Zweite, misstraut den Medien und denkt, dass diese in Deutschland voreingenommen sind.

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten,“ sagte einmal der ehemalige Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs. Der 1995 verstorbene Journalist meinte keinesfalls, dass Journalisten keine eigene Meinung haben dürfen, sondern dass sie eine notwendige Distanz  zu den Themen, über die sie berichten, aufweisen müssen. Um das Vertrauen der Leser zu gewinnen, muss der Journalist selbst über die schlimmsten Nachrichten berichten können, ohne dabei mit der Wimper zu zucken.

„Wir haben gelernt uns nicht von sozialen Medien und der Schnelligkeit des Internets treiben zu lassen,“ sagt Gero Hirschelmann, Chef vom Dienst der Onlineausgabe der Mitteldeutschen Zeitung in Halle. Als er die Gerüchte hörte, ein Hausmeister sei in einer Asylunterkunft erschlagen worden, wendete er sich mehrmals an die Polizei und Caritas und interviewte eine Vielzahl von Personen, um zu beweisen, dass dem nicht so sei. Nichtsdestotrotz plädierte die Leserschaft auf „Lügenpresse“ und verlangte eine Stellungnahme des todgeglaubten Hausmeisters, der sich aber nicht öffentlich zeigen beziehungsweise rechtfertigen wollte. „Zum anderen haben wir gelernt, dass Kommunikation über unsere Arbeit sehr wichtig ist,“ betont Hirschelmann.

Was wäre also ein Lösungsvorschlag um die Leser milde zustimmen? Zum einen, eine stärkere Kommunikation zwischen Journalist und Leser: „Journalisten sollten außerdem die Offenheit haben, zu sagen: Nicht alles, was ich hier schreibe, ist der Weisheit letzter Schluss“, sagt Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt in einem Artikel zum Thema Lügenpresse. Hundertprozentige Objektivität wird nie möglich sein, da wir Menschen sind und immer einen Blickwinkel haben werden. Was geschafft werden kann, sind faire Artikel, die wiederum von Lesern gelesen werden, die nachfragen und kritisch überlegen. Dem Leser soll nicht die Mündigkeit genommen werden. Zum Anderen, darf sich die Schnelllebigkeit der Branche nicht auf die Arbeit der Journalisten auswirken. „Ich versuche dem Journalismus wieder zu mehr Integrität zu verhelfen,“ sagt freier Journalist Max Marquardt. „Ich möchte keine schnellen Essenzen ohne Seele und Tiefgang, aber das braucht Zeit. Qualität braucht Zeit.“ 

Wenn sich der Journalist also das nächste Mal mehr Zeit für einen Artikel nimmt und wir nicht sofort eine Antwort auf unsere Fragen vorgelegt bekommen, sollten wir Leser auch nicht gleich mit dem Finger zeigen. Zudem kann es vorkommen, dass ein Text unvollständig bleibt und einfach nie fertig wird, weil es Reaktionen darauf gibt und er ständig fortgeschrieben werden muss. 

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