Thursday, June 25, 2015

LEBEN AM SEIDENEN SCHAL

Photo by Rux Centea on Unsplash

Die in Wien lebende Kostümbildnerin Hannah Hoffmann hat nach ihrem Abschluss an der Meisterklasse „Herbstraße“ in Wien ihre Liebe zu Levi‘s Jeans und opulenten Kleidern entdeckt. Ein Gespräch über die Vergänglichkeit des Lebens und warum man sie nie ohne einen Schal antreffen wird. 

Glaubst du an ein Leben nach dem Tod? 
(überlegt) Doch, ja. Also nicht unbedingt die klassisch christliche Variante, die man sich wahrscheinlich sofort vorstellt. Aber ich denke schon, dass da noch Etwas kommt oder Etwas ist. Nicht unbedingt körperlich, sondern mehr die Seele, die dann noch überbleibt bzw. Energien, die irgendwo im Jenseits herumschwirren. 

Wenn du auf die andere Seite übergehst, was würdest du mitnehmen? 
Das Ding ist ja, Mode ist so vergänglich, sie ändert sich ständig und es gibt keine Konstante. Eigentlich gibt es nichts, was ich im Jenseits brauchen könnte. Aber wenn es ginge, dann würde ich auf jeden Fall einen Schal mitnehmen.

Einen Schal? 
Ich trage immer einen Schal. An meinen Schals hänge ich einfach. Ich trage sie im Winter, im Sommer, sogar am Strand! Neben meinem Bett steht eine Kiste voll damit, ich habe bestimmt um die 30 Stück. Irgendwann habe ich einmal damit angefangen, Schals zu sammeln, und seitdem fühle ich mich fast nackt ohne einen meiner Schals. Wenn ich mal keinen anhabe, fühlt es sich so an, als hätte ich vergessen, meinen zweiten Schuh anzuziehen. Wenn ich meinen Schal nicht um den Hals trage, dann ist er definitiv in meiner Handtasche. Manche Leute investieren in teure Perlen oder Designerhandtaschen, mein It-Piece wäre sozusagen ein Schal, dafür würde ich schon eine ganze Menge Geld ausgeben. Klingt das blöd? Ich mag zum Beispiel keine Halsketten, die finde ich einengend. Vielleicht ist der Schal für mich eine Art Halskettenersatz.

Was möchtest du an deine Nachkommen weitergeben? Welche Stücke aus deinem Kleiderschrank möchtest du vererben? 
Auf jeden Fall alte Vintage-Klamotten. Ich habe zum Beispiel alte Dirndl von meiner Mutter oder Dirndlblusen, welche meine Uroma schon getragen hat. Das hat sentimentalen Wert für mich, das möchte ich gerne an die nächste Generation weitergeben. Dazu kommt mein Abschlussbühnenkostüm aus meiner Zeit in der Meisterklasse in der Herbststrasse in Wien. Das ist wirklich ein Riesending, das würde ich gerne jemanden andrehen.

Viele junge Menschen definieren sich heutzutage durch Besitz, wie stehst du dazu? Legst du viel Wert auf Materielles? 
Nein. Dieses Klischee, dass man, wenn man im Modebereich arbeitet, ständig einkaufen geht und einen riesengroßen Kleiderschrank hat, trifft auf mich nicht zu. Ich habe meine Basics und mit denen bin ich total zufrieden. Das Erschreckende für mich ist, festzustellen, dass so viele junge Frauen gleich aussehen. Wenn etwas modern ist, dann stürzt sich jeder darauf und die Identität der Menschen geht komplett verloren. Das finde ich wirklich furchtbar.

Woran könnte das, deiner Meinung nach, liegen? 
Ich glaube, die meisten haben Angst herauszustechen. Es ist nunmal leichter etwas anzuziehen, was du von den Medien und Modehäusern aufgetischt bekommst, weil du dann nicht nachdenken musst. Du gehst einfach zu H&M, Zara & Co. und kaufst, was die Puppe trägt und gehörst somit der Masse an. Für Basics gehe ich natürlich auch zu H&M, aber ich versuche es mittlerweile zu meiden. Vor allem wenn man aus dem Modebereich kommt, weiß man, was dahinter steckt und wie es produziert wurde. Das führt zu einem Umdenken im Kopf, weil man nicht Teil dieser Fast-Fashion-Gesellschaft sein will, die Kleidungsstücke nur eine Saison lang trägt und dann wegwirft. Ganz egal wie schön das Teil ist: Wenn da Fäden weghängen und die Produktion nicht stimmt, dann kann ich es einfach nicht nehmen. Das ist für mich ethisch nicht vertretbar.

Wie wichtig ist es bei einer Einzelanfertigung für eine Kundin, dass sie aus der Masse heraussticht? 
Es ist spannend, für eine einzige Person zu arbeiten. Während der Entwicklung des Kostüms siehst du, wie das Kostüm sich an die Person anpasst. Das ist ein schönes Gefühl. Ein einzigartiges Kostüm für jemanden zu machen, der es dann auch wirklich schätzt, ist großartig. Ich arbeite zum Beispiel gerade an einem Brautkleid für eine Freundin. Alles ist voll mit Spitze und Tüll, ich kann mich total ausleben. Ich glaube, so viel Spaß hatte ich noch nie bei der Fertigung eines Kleidungsstückes, weil ich sehe, wie sehr die Braut sich an kleinsten Dingen erfreut. Eigentlich ist ein Brautkleid ja auch eine Form von „Das trage ich für die Ewigkeit“. Es wird ewig in Erinnerung bleiben, weil die Braut – hoffentlich – nur einmal heiraten wird.

Und, was trägst du für die Ewigkeit – außer einem Schal? 
Kleidungsstücke, die nachhaltig sind. Gute Lederschuhe, die man sein Leben lang hat und Standardausrüstungen, die wirklich alles mit dir durchleben. Vor allem bei Jeans finde ich es wichtig, auf Qualität zu achten. Dann hat man eben nur drei bis vier Hosen, aber die sitzen wie angegossen und man weiß: Die Verarbeitung und das Material sind gut. Bei vielen Menschen setzt gerade ein Umdenken ein, sie erkennen, dass nachhaltige Kleidung wichtig ist. 

Lederschuhe und Jeans?
Ja. Vor Kurzem habe ich mir eine schwarze Levi’s-Jeans gekauft, die liebe ich über alles. Ich trage eben gerne Basics oder Unisex-Klamotten. Meine Mutter hat mich und meinen Zwillingsbruder früher immer ganz gleich angezogen, aber in Pink und Babyblau. Ich trug stets eine Palme auf dem Kopf und mein Bruder wollte das dann natürlich auch immer. Würde meine Mutter ein Outfit für mich und meinen Bruder für die Ewigkeit aussuchen, wäre es mittlerweile unisex. Die Zeiten sind vorbei, in denen man mit seiner Kleidung aufzeigen muss, dass man eine Frau oder ein Mann ist.

No comments

Post a Comment

© LACKOFCOLOR | All rights reserved.
BLOG TEMPLATE HANDCRAFTED BY pipdig